Neue Klangwelten im Schnee
07.11.2009 20:55 - Thomas Schmölz
Eine verschneite Berglandschaft, die Glocken der Schlosskirche läuten, wir sind mitten im Allgäu. Innerhalb der Mauern der Akademie Marktoberdorf entsteht jedoch eine ganz andere Welt: Zwischen Pauken, Geigen und Kontrabässen tummeln sich über 60 junge Musiker in aufgeregter Wiedersehensfreude: „Vor ein paar Wochen waren wir mit dem Orchester noch in Südafrika - da war es richtig sommerlich warm. Und jetzt das. Aber ich finds cool!“, sagt Hornist Felix, sein Kollege Anton ergänzt: „Ich finde es super, so das BJO-Loch umgehen zu können: Wenn man wie wir im Sommer über mehrere Wochen gemeinsam unterwegs und 24 Stunden am Tag zusammen war, dann bekommt man zu Hause immer ein ‚nach-BJO-Loch‘. Daher ist es jetzt besonders schön, die Leute wieder alle zu sehen“.
Seit Sonntag widmen sich die 14- bis 20-jährigen Musiker des Bundesjugendorchesters unter der Leitung von Dirigent Frank Strobel dem Stummfilm „Nathan der Weise“, zu dem der deutsch-libanesischen Musiker Rabi Abou-Khalil eine Komposition geschrieben hat. Für viele der jungen Sinfoniker ist dies die erste Begegnung mit einer unbekannten musikalischen Klangwelt: „Die Musik, die Abou zu dem Stummfilm komponiert hat, hat mich beim ersten Spiel zu Hause schon verwirrt, weil ich die Rhythmen und Klänge überhaupt nicht kannte. Es ist ein ganz anderer Musikstil. Aber es ist interessant.“
Auch die Probenarbeit gestaltet sich anders als gewohnt: Auf einem großen Monitor läuft der Stummfilm, während Frank Strobel die Musiker durch den ersten Akt leitet. Einige Musiker kennen das Stück „Nathan der Weise“ aus dem Schulunterricht, für viele ist der Stoff aber neu, daher ist der Film für sie besonders interessant. Anton: „Ich gucke fast direkt auf den Monitor, weil wir Celli direkt davor sitzen, und versuche ab und an einen Blick darauf zu werfen wenn es die Spielsituation erlaubt. Das ist manchmal ein bisschen gefährlich, weil es doch ablenkt. Die Kostüme, die Schminke, die Gestik der Schauspieler ist irgendwie total überzogen – aber sie müssen das ja darstellen, was man sonst verbal ausdrücken würde. Wir haben heute den ersten Akt gespielt – morgen geht’s weiter. Ich bin gespannt, wie man sich an die andere Spielweise gewöhnt und wie es sich entwickelt.“ Wir auch.