Inspiration

»Der Krieg um die ‘Aneignung von Jerusalem’ ist heute der Weltkrieg. Er findet überall statt, er ist die Welt, er ist heute die singuläre Figur ihres ‘out-of-joint-Seins’.«[1]

Jacques Derrida



Peter Sloterdijk greift in seinem Opus »Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen«[2] quasi als “Warntafel” voranstellend die Äußerungen des im Herbst 2004 verstorbenen Jacques Derrida auf, “die auf eine besonders explosive semantische und politische Gefahrenstelle der heutigen Welt aufmerksam macht – auf jenen Nahen und Mittleren Osten, in dem drei durch Konkurrenz ineinander verzahnte messianische Eschatologien, wenn Derrida recht hätte, »alle Kräfte der Welt und die ganze ‘Weltordnung’ für den gnadenlosen Krieg, den sie sich liefern, direkt oder indirekt«, mobilisieren.”[3] Mit einem Rekurs auf Lessings Ringparabel, die Sloterdijk als Versuch der “Domestikation der Monotheismen aus dem Geist der guten Gesellschaft” sieht, begegnet er in seinem Buch der Intoleranz mit dem Plädoyer für eine wechselseitige Anerkennung des Nahen Ostens und Europas.

Es ist eines dieser Bücher, die uns nach vollbrachter Lektüre das gute Gefühl geben, in Einklang mit dem vom Autor vorgedachten Gedankengut, die gewesene Welt zu verstehen. – Alles wird gut! – Zumindest bis zum letzten Absatz der vorletzten Buchseite. Dort steht in bestechender Schlichtheit die Sloterdijk’sche Quintessenz und vermeintliche Lösung aller Probleme niedergeschrieben: “Die Kulturen zivilisieren sich gegenseitig”. Die ernüchternde Erkenntnis aus diesem Fazit ist, dass dieses alleine nicht zwangsläufig einen Weg aus dem Konflikt aufzeigt. – Wird es wirklich gut? – Spätestens in diesem Moment droht die soeben zart gewachsene Zuversicht im Schatten einer raumgreifenden Ohnmacht zu verkümmern. 

Einer schleichenden Ohnmacht sahen sich vermutlich auch Gotthold Ephraim Lessing und Erich Wagowski ausgesetzt. Beide auf unterschiedliche Weise in ihrer Existenz bedroht, formulierten mit ihren Mitteln einen Appell an die Vernunft und Toleranz: Lessing, der 1779 in Folge des als Fragmentenstreit[4] in die deutsche Diskursgeschichte eingegangenen Disputes mit dem hamburgischen Hauptpastor Johann Melchior Goeze sein dramatisches Gedicht “Nathan der Weise” schreibt; Erich Wagowski, der sich als jüdischer Filmproduzent im München der 1920er Jahre angesichts eines grassierenden Antisemitismus immer stärkeren Repressionen ausgesetzt sieht und mit der Verfilmung von “Nathan der Weise” auch ein politisches Signal setzen will (siehe hierzu S. 16 ff: “Der Fall »Nathan der Weise«”). So ist der 1922 unter der Regie von Manfred Noa produzierte Film heute ein exzellentes Beispiel für politisch engagiertes Kino der frühen Filmgeschichte.

Als ein “Triumph der cineastischen Energie” und aus filmhistorischer Sicht als “ein Vorgriff auf die HollywoodÄsthetik”[5], stellt er einen Meilenstein filmischen Schaffens aus der Zeit der Weimarer Republik dar, deren notwendige Aufarbeitung jüngst auch den Deutschen Bundestag beschäftigte: “Filme sind ein unersetzbarer Bestandteil des Kulturerbes. Sie sind Gedächtnisarchive und schaffen einen besonderen Zugang zu […] Hoffnungen und Utopien, zu Unabgegoltenem und Verdrängtem, zu einem immer wieder neu zu erschließenden Reichtum der historisch gewordenen Welt.”[6] Regisseur und Produzent wollten einen ‚Film der Humanität’ mit einem Plädoyer für ein friedliches Zusammenleben der Religionsgemeinschaften und Völker schaffen. Der “uralt moderne Film” zeigt deshalb nicht die Eleganz von Lessings dramatischer Lösung mittels eines großen Familienbandes, als kritischer “Toleranzschocker”[7] inszeniert er vielmehr die Verhältnisse und Gefahren, aus denen eine Lösung der Konflikte erwachsen muss.[8] Der Glücksfall »Nathan der Weise«, eine der wichtigsten filmhistorischen Entdeckungen der letzten Jahre, kann insofern als eine schicksalhafte zweite Chance gesehen werden, durch seine eindrückliche und universal verständliche Bildsprache den in unserer schnelllebigen Zeit oftmals vergessenen Traum von Utopia aus den corticalen Nischen unserer Gehirne wieder hervorzukehren.

Dies gelingt umso beeindruckender, als dass der Film durch die neue sinfonische Musik des deutschlibanesischen Komponisten und Oud-Spielers Rabih Abou-Khalil in geradezu kongenialer Weise in eine klangliche Gegenwart getaucht wurde. Rabih Abou-Khalil selbst ist inmitten des vom Bürgerkrieg gezeichneten Beirut aufgewachsen und im Alter von 20 Jahren nach Deutschland geflohen. Mit der Unausweichlichkeit der eigenen Biographie verwebt er arabische mit europäischen Spielweisen und Stilistiken, indem er monodische Leitmotive um harmonische Komplementäre abendländischer Prägung mäandern lässt. Dabei entsteht ein musikalisches Kraftfeld, aus dem das Bundesjugendorchester unter der Leitung des international gefragten Filmdirigenten Frank Strobel völlig neue orchestrale Klangfarben erwachsen lässt. Stellvertretend für ihre Generation werben die jungen Musikerinnen und Musiker von Deutschlands jüngstem Spitzenorchester durch ihre Mitwirkung für eine friedliche Zukunft in Freiheit.

Von Jean Cocteau stammt der Aphorismus: „Dem Schlaf enthoben, welkt der Traum“. Mit dem Projekt »Nathan der Weise. Eine filmmusikalische Toleranzinitiative« wollen die Initiatoren den Traum der Utopie und ein Stück weit in die Wachwelt tragen.

Thomas Schmölz


[1] Jacques Derrida, Marx’ Gespenster, Frankfurt am Main 1995. In: Peter Sloterdijk, Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen, Verlag der Weltreligionen im Inselverlag Frankfurt am Main 2007. Für seine perspektivenreiche und provokative Analyse wurde ihm 2008 der Lessing-Preis für Kritik überreicht.
[2] Peter Sloterdijk, ebenda.
[3] Jacques Derrida, Marx’ Gespenster, S. 87. In: Peter Sloterdijk, Frankfurt am Main 2007
[4] „Mit dem Titel Fragmentenstreit wird die bedeutendste theologische
Auseinandersetzung des 18. Jahrhunderts in Deutschland und die wohl wichtigste Kontroverse zwischen der Aufklärung und der orthodoxen lutherischen Theologie bezeichnet.“ (Quelle: Wikipedia) Es geht um die Schrift "Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes" von Hermann Samuel Reimarus, die Lessing als Leiter der herzöglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel in Auszügen als „Fragmente eines Ungenannten“ veröffentlicht, und sich daraufhin in einen mehrere Jahre andauernden Streit mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze verwickelt sah, der im Jahr 1778 für Lessing schließlich in einem generellen Publikationsverbot auf dem Gebiet der Religion mündete.
[5] Georg Seeßlen: Toleranz fürs Kino gerettet., DIE ZEIT Nr. 27 vom 28.06.2007, S. 44
[6] Deutscher Bundestag, Drucksache 16/8504: Auszug aus einem Antrag Fraktionen CDU/CSU, SPD, FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN vom 12. März 2008
[7] Gerhard Stadelmaier: Wenn Gesten denn klingen können., FAZ
vom 21.8.2007, S. 37
[8] Vgl. ebenda.

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