Die Kraft des Verschollenen

Das Bundesjugendorchester interpretiert den Stummfilm "Nathan der Weise" neu

Ein Bericht von Martin Wilkening für die Berliner Zeitung vom 23. August 2010

Die obligate Hymne, die die Konzerte der Young Euro Classic eröffnet, gehört eigentlich, wie die Verbeugung des Dirigenten vor dem Konzert, mehr zum Auftrittsritual als zum eigentlichen musikalischen Programm. Meist bleibt die traulich hübsche Melodie mit der gespreizten Harmonisierung, die Manfred Trojahn erdacht hat, nicht mehr als eine nette, aber indifferente Willkommensgeste. Wie viel Hintersinn hier aber in der seltsamen Verflechtung melodischer Einfalt mit den Abwegen der Harmonik steckt, zeigten die fünf Streichersolisten des Bundesjugendorchesters in einer zeitlupenartig verlangsamten Vorstellung des kleinen Stückes.


Diese wohldurchdachte Interpretation, die jede harmonische Biegung, zu der eine Stimme die andere führte, zum Leuchten brachte, gewann im Kontext des Abends erst recht an Bedeutung, erschien sie wie ein vorangestellter Abgesang auf jenes europäische Musikdenken, das in der Mehrstimmigkeit die Einheit von Melodik und Harmonik schafft. Anschließend zog sich die Musik zur Einstimmigkeit zusammen, zu der mächtigen Melodie eines monodischen Rieseninstruments, für das Rabih Abou-Khalil seine neue, von arabischer Musik inspirierte Filmmusik zu "Nathan der Weise" geschrieben hat. Das von Frank Strobel geleitete Bundesjugendorchester hat sie letztes Jahr zusammen mit dem Film uraufgeführt, als Film mit Livemusik erklang sie jetzt im Konzerthaus.


Der Stummfilm von 1922 gilt als der wichtigste der 39 Filme, die der vergessene Berliner Regisseur Manfred Noa in nur 37 Lebensjahren drehte. Die Premiere fand in Berlin statt, die Originalmusik dazu ist verloren. In München, wo der Film entstand, wurde die Aufführung von der Zensur verboten, unter dem Vorwand, dass man im aufgereizten Klima nach der Niederschlagung der Räterepublik Krawalle befürchtete. Tatsächlich versuchten Nazis der ersten Stunde schon direkt nach der Herstellung die Kopien zu vernichten, was dann später auch gelang. Der Film galt seit 1933 als verschollen, bis sich 1996 in Moskau eine vollständige Kopie fand. Diese trug den Titel "Die Erstürmung Jerusalems", der dem Film viel angemessener erscheint.


Ein Dokument des Pazifismus Noas monumentaler Ausstattungsfilm mit Hunderten von Statisten, Pferden und imposanter Kriegsmaschinerie vor gewaltigen Festungsmauern zeigt vor allem das, was bei Lessing zwar ständig präsent ist, aber unsichtbar bleibt: die kriegerische Gewalt um Jerusalem herum und die Not des Überlebens für die Menschen.
Am beeindruckendsten sind vielleicht die Szenen, in denen plündernde Marodeure, die zurückgelassene Waffen der geschlagenen Tempelritter aufgesammelt haben, einem kleinen Jungen nachstellen - mit dem Schwert in der Hand, das eben gar nichts Heiliges besitzt. Der Film ist, kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges, vor allem anderen ein Dokument des Pazifismus, die Auseinandersetzung um religiöse Intoleranz eher ein Nebenschauplatz. Publikumsliebling Werner Krauss spielt den Kaufmann Nathan als verzückt himmelwärts blickenden Heiligen, um ihn herum der Tempelritter als ungestümer aber reiner Tor im angesengten Gewand, der opportunistische Patriarch und der Sultan, neben Nathans frommer Weisheit die einzige Stimme der Vernunft.


So ist die Entscheidung, eine arabisierende Musik zu dem Film zu schreiben, weit mehr als eine Fortsetzung des üppigen Dekors der arabischen Szenerie, sondern auch eine Sympathieerklärung an die Instanz, die Toleranz tatsächlich praktiziert. Abou-Khalils rhythmisch äußerst komplexe Musik trägt den Film mühelos, berührt synchron den Augenblick und spinnt die visuellen Eindrücke fort. Sie verschmäht das Koloristische ebenso wie das Illustrative nicht, tappt jedoch durch ihre eigene rhythmische Energie nie bloß Bildern hinterher: ein gelungenes und eigenwilliges Experiment, Nachahmung nicht empfohlen.

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