Alles im Kasten – die Proben gehen weiter

„Puh, was für ein Ritt“, durchgeschwitzt aber überglücklich stürmen die Kontrabass-Spieler, wie immer als erstes, zum Abendessen. In insgesamt 9 Stunden musikalischer Arbeit haben sie heute das geschafft, was nach dem ersten Probentag noch so fern lag: Die Musik ist im Kasten und – mindestens genauso wichtig – der Tonmeister sehr zufrieden: „Ich wusste schon, dass das Orchester gut ist, aber sie haben mich doch noch einmal überrascht: Diese Euphorie und die Bereitschaft für Neues, das hat man in dieser Form in Profiorchestern selten“, sagt Tonmeister Walter Quintus, „Dazu ist die Gruppe sehr homogen: sie sind alle sehr gut, alle sind engagiert. Ich will nicht sagen, dass es kein Gefälle gibt, das ist ja normal, aber es gibt niemanden, der mir in irgendeiner Form negativ oder desinteressiert aufgefallen wäre. Das BJO war für diese Art von Musik wirklich das beste Orchester, das ich mir vorstellen kann“. Die rund 70 Beteiligten haben das knapp zweistündige Werk in insgesamt rund 500 Takes eingespielt, diese müssen nun in säuberlicher Detailarbeit bearbeitet und zu einem Ganzen zusammengeschnitten werden: „Das ist natürlich noch viel Arbeit. Ich glaube aber, das Produkt wird richtig gut“, meint der Tonmeister weiter. Für ihn und die restliche Crew von Deutschlandradio geht es morgen zurück nach Berlin, denn der „Ü-Wagen“ fährt direkt weiter zur nächsten Produktion. Die Orchestermusiker bleiben noch einen Tag: Nach den Produktionstagen nehmen sich Musiker und Dirigent noch einen Tag Zeit, einzelne Passagen nochmal genauer anzusehen und die Übergänge einzustudieren. Schließlich soll auch das Konzert im Gasteig perfekt werden.

Trotz geschundener Lippen und Muskelkater von nächtlichen Kegelexzessen wird es auch jetzt nicht ruhig in Marktoberdorf: Während die Bässe noch essen, packen die Blechbläser schon wieder ihre Instrumente aus und widmen sich im Dachgeschoss des Schlosses einer ganz anderen Stilrichtung: der Blasmusik. In der Kellerbar erklingen jazzigere Rhythmen: Nach langem Bitten konnte der 15-jährige Fagottist Theo überzeugt werden, am Klavier für etwas Hintergrundmusik zu den abendlichen Gesprächen zu sorgen. Doch nicht lange, und die vermeintliche Hintergrundmusik entwickelt sich zum Highlight: Theo hatte sich nach der vor einigen Wochen zu Ende gegangenen Arbeitsphase des BJOs die Klaviernoten der „Rhapsody in blue“ von George Gershwin gekauft und den Solopart, der bei den Konzerten im Sommer von Dennis Russel Davies bzw. Caspar Frantz gespielt wurde, am heimischen Klavier „aus Spaß“ einstudiert. Nun hat er das Stück auswendig drauf und spielt das Werk in einem Tempo und mit einer Inbrunst, dass selbst den älteren Orchestermitgliedern die Münder offen stehen bleiben. Nach großem Jubel dann noch eine Zugabe: Bach. Auch hier breite Begeisterung. Aber eine zweite Zugabe will der junge Mann dann doch nicht geben: „Nein, nein, ich bin noch unter 16, ich muss jetzt ins Bett“.

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