BJO blogstage
27.08.2009 09:25 - Thomas Schmölz
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Kommentare (7)
Kinoatmosphäre im Gasteig
„Was machen denn eigentlich die ganzen Männer hier auf der Bühne?“, fragt Julia. Die Geigerin ist verwirrt: Statt ruhiger Konzertsaal-Atmosphäre herrscht ein hektisches Treiben auf der Bühne der Philharmonie im Gasteig. Rund 15 schwarzgekleidete Männer und Frauen bauen Kameras auf, verlegen Kabel, stellen Monitore, Licht und Mischpulte ein, rufen technische Einstellungskommentare durch den Raum. „Parallel zum Soundcheck wird die Projektion getestet. Streulicht von unten (es waren eben doch die falschen, nicht dimmbaren Pultleuchten) bringt jeden Vorführer zur Verzweiflung. Hinter der fleckigen Scheibe der Projektionskabine steht unser Vorführer Johannes in Walkie-Talkie-Verbindung mit Christian, der die letzten vier Monate mit der HD-Restaurierung und rundherum neuen Lichtbestimmung am Film verbrachte. Beide korrigieren noch die Kontraste nach“, erklärt Nina Gosslar, Redakteurin beim ZDF und ARTE und Initiatorin des Projektes.
Die Bühne ist inzwischen in ein dunkles Licht getaucht. Eine riesige Leinwand befindet sich hinter den Musikern, die Notenständer sind mit Pultleuchten versehen. „Ich werde heute Abend ein weißes Hemd tragen, damit ihr mich überhaupt sehen könnt“, lacht Frank Strobel. “Was tragen eigentlich die Musiker?“, greift Produktionsleiter Thomas Schmölz den Kommentar auf, „das haben wir ja ganz vergessen zu besprechen“. Die Musiker sind aber natürlich auf Konzert gepolt und alle haben ihre schwarzen Anzüge und Abendkleider bereit. Es herrscht freudige Vorspannung – gleich geht’s los. Toitoitoi.
24.10.2009 16:58 - Anke Steinbeck
Müde, aber glücklich
"Ich habe mich selber ziemlich oft verspielt, weil ich euch so begeistert zugehört habe", lacht Rhabi Abou-Khalil, "ihr wart wirklich super". Die Musiker applaudieren. Sie haben gerade die letzte Durchlaufprobe in Marktoberdorf beendet und sind nun, am Ende der Probenwoche, rechtschaffen müde. Die Koffer sind gepackt, die Instrumente gleich auch. Nun gibt es Abendessen und dann gehts los nach München. Im Doppeldeckerbus werden die 63 Musiker reisen und sich in der Nähe vom Gasteig einquartieren. "Ich fand die Woche anstrengend aber erfüllend. Das Stück hat total viel Spaß gemacht und das Konzert wird bestimmt super werden", sagt Julian Pontus Schirmer, Viola. "Ich hatte so Hunger, dass ich mich nur verspielt habe. Dabei habe ich erst vor 4 Stunden zu Mittag gegessen. Ich weiß auch nicht, aber auf BJO-Touren bin ich immer so hungrig. Meine Hosen passen mir schon nicht mehr", lacht Franziska Rau, Kontrabass. Das Essen hier in Marktoberdorf ist aber auch zu lecker. Noch einmal gehen die Musiker zum Abendessen und Franziska steht ganz vorne in der Schlange.
23.10.2009 17:27 - Anke Steinbeck
Alles im Kasten – die Proben gehen weiter
„Puh, was für ein Ritt“, durchgeschwitzt aber überglücklich stürmen die Kontrabass-Spieler, wie immer als erstes, zum Abendessen. In insgesamt 9 Stunden musikalischer Arbeit haben sie heute das geschafft, was nach dem ersten Probentag noch so fern lag: Die Musik ist im Kasten und – mindestens genauso wichtig – der Tonmeister sehr zufrieden: „Ich wusste schon, dass das Orchester gut ist, aber sie haben mich doch noch einmal überrascht: Diese Euphorie und die Bereitschaft für Neues, das hat man in dieser Form in Profiorchestern selten“, sagt Tonmeister Walter Quintus, „Dazu ist die Gruppe sehr homogen: sie sind alle sehr gut, alle sind engagiert. Ich will nicht sagen, dass es kein Gefälle gibt, das ist ja normal, aber es gibt niemanden, der mir in irgendeiner Form negativ oder desinteressiert aufgefallen wäre. Das BJO war für diese Art von Musik wirklich das beste Orchester, das ich mir vorstellen kann“. Die rund 70 Beteiligten haben das knapp zweistündige Werk in insgesamt rund 500 Takes eingespielt, diese müssen nun in säuberlicher Detailarbeit bearbeitet und zu einem Ganzen zusammengeschnitten werden: „Das ist natürlich noch viel Arbeit. Ich glaube aber, das Produkt wird richtig gut“, meint der Tonmeister weiter. Für ihn und die restliche Crew von Deutschlandradio geht es morgen zurück nach Berlin, denn der „Ü-Wagen“ fährt direkt weiter zur nächsten Produktion. Die Orchestermusiker bleiben noch einen Tag: Nach den Produktionstagen nehmen sich Musiker und Dirigent noch einen Tag Zeit, einzelne Passagen nochmal genauer anzusehen und die Übergänge einzustudieren. Schließlich soll auch das Konzert im Gasteig perfekt werden.
Trotz geschundener Lippen und Muskelkater von nächtlichen Kegelexzessen wird es auch jetzt nicht ruhig in Marktoberdorf: Während die Bässe noch essen, packen die Blechbläser schon wieder ihre Instrumente aus und widmen sich im Dachgeschoss des Schlosses einer ganz anderen Stilrichtung: der Blasmusik. In der Kellerbar erklingen jazzigere Rhythmen: Nach langem Bitten konnte der 15-jährige Fagottist Theo überzeugt werden, am Klavier für etwas Hintergrundmusik zu den abendlichen Gesprächen zu sorgen. Doch nicht lange, und die vermeintliche Hintergrundmusik entwickelt sich zum Highlight: Theo hatte sich nach der vor einigen Wochen zu Ende gegangenen Arbeitsphase des BJOs die Klaviernoten der „Rhapsody in blue“ von George Gershwin gekauft und den Solopart, der bei den Konzerten im Sommer von Dennis Russel Davies bzw. Caspar Frantz gespielt wurde, am heimischen Klavier „aus Spaß“ einstudiert. Nun hat er das Stück auswendig drauf und spielt das Werk in einem Tempo und mit einer Inbrunst, dass selbst den älteren Orchestermitgliedern die Münder offen stehen bleiben. Nach großem Jubel dann noch eine Zugabe: Bach. Auch hier breite Begeisterung. Aber eine zweite Zugabe will der junge Mann dann doch nicht geben: „Nein, nein, ich bin noch unter 16, ich muss jetzt ins Bett“.
22.10.2009 21:06 - Anke Steinbeck
Musikalische Klagemauer
„Jetzt klingt es wie eine Klagemauer. Fantastisch!“, freut sich Rhabi Abou-Khalil. Auch nach knapp 10-stündiger Probe fehlt es den Musikern nicht Enthusiasmus für die Musik. Rhabi: „Wir haben heute richtig viel geschafft: heute Vormittag haben wir einen Akt eingespielt, heute Nachmittag einen, und jetzt heute Abend haben wir in einer gesonderten Probe die solistisch besetzten Passagen noch einmal gemacht. Puh, das war viel Arbeit – aber jetzt können wir zufrieden sein“. Es ist kurz nach 21 Uhr, als Dirigent Frank Strobel den Taktstock sinken lässt: „Feierabend“ – und schon springen die Musiker drinnen im Saal von ihren Plätzen auf. Was ist los?: „Heute ist Champions League, das muss ich sehen“, erklärt Konzertmeister Tobias während er in Windeseile seine Geige aus dem Jahr 1673 verpackt und sich auf den Rücken schnallt. Gemeinsam mit einigen Jungs zieht er rasch in Richtung Fernsehraum ab. Und die Mädels? Die haben heute einen freien Abend und genießen ihn nach Ladys Art: Sie haben sich die Sauna der Akademie angestellt und lassen den Abend in Wellnessmanier gemütlich ausklingen.
22.10.2009 09:53 - Anke Steinbeck
„AUFNAHME – Absolute Ruhe!“
„Oh man, die hören aber auch jeden Fehler“, Kontrabassist Yannick rümpft die Nase, „Echt, die Stelle ist aber auch schwer. Also nochmal, das muss ich jetzt hinkriegen“. Tatsächlich hat Tonmeister Walter keine Gnade mit den jungen Musikern, die nun schon seit zwei Tagen an den Aufnahmen zum Werk „Nathan der Weise“ arbeiten: Eine Kamera überträgt ständig Bilder in den Tonwagen des Deutschlandradios vor den Toren des Schlosses, über 20 Mikrophone hören jeden noch so kleinen Patzer. „Da kann man nicht schummeln“, lacht Dirigent Frank Strobel. „Jeder Takt muss stimmen, wir arbeiten sehr penibel. Deshalb hängen wir gerade auch etwas hinterher. Nach zwei Probentagen haben wir erst gut ein Drittel im Kasten. Aber es wird. Die Musiker sind unheimlich engagiert, daher habe ich keine Zweifel, dass wir nun, nachdem wir uns warm gespielt haben, den Rest rasch schnell schaffen werden“.
Unter den Musikern ist die Stimmung nach wie vor gut: „Ich stehe auf die rhythmischen Sachen, die der Solist Jarrod Cagwin auf seinen Trommeln macht. Und Rhabi Abou-Khalil ist lustig: er erklärt seine Komposition immer sehr anschaulich und an guten Beispielen. Es macht Spaß, mit so jemandem zusammenzuarbeiten“, sagt Geiger Sebastian. Für ihn wie auch die meisten anderen ist die Film-Komponente eine neue Erfahrung: „Ich habe noch nie einen Stummfilm gesehen, bis auf Charly Chaplin oder so. Gleichzeitig finde ich Filmmusiken von aktuellen Filmen aber auch immer ganz gut. Wir spielen hier im BJO regelmäßig aus Fun abends, nach den Proben, noch ein bisschen Filmmusik. Dann dirigiert einer von uns. Das macht echt Spaß. Hier jetzt auch mal selber eine Filmmusik einzuspielen ist geil. Wenn die Noten es zulassen gucke ich immer auf den Fernseher. Das geht ganz gut, denn wir haben in den Streichern ziemlich viel Pause, was für uns eine ganz neue Erfahrung ist.“
Auch jenseits der Proben, beim abendlichen Zusammensitzen, findet die Verarbeitung des am Tag erlebten eine Fortführung: Nathans Verhalten und der Konflikt der Religionen reizt zu Gesprächen. Sebastian: „Ich finde es schon cool, dass der Konflikt der Religionen in dieser Art und Weise thematisiert wurde. Er ist bis heute aktuell. Bei uns im Ruhrgebiet und bei mir in der Schule sind sehr viele Religionen, die aufeinandertreffen, und da gibt es hin und wieder Sticheleien. Wir haben das Buch nicht im Unterricht durchgenommen, haben das Thema nur im Religionsunterricht angesprochen. Ich denke, ein solches Werk gehört eigentlich in jedem Fall in den Lehrplan – zumindest im Religionsunterricht.“
Nun ist es aber genug der Diskussion: Eine Gruppe Blechbläser ruft zum Kegeln. Schnell sind die Gruppen gebildet: Betreuer-Team und Dirigent treten an gegen vier junge Musiker. Ein spannendes Derby nach einem langen Produktionstag.
21.10.2009 21:55 - Anke Steinbeck
Neue Klangwelten im Schnee
Eine verschneite Berglandschaft, die Glocken der Schlosskirche läuten, wir sind mitten im Allgäu. Innerhalb der Mauern der Akademie Marktoberdorf entsteht jedoch eine ganz andere Welt: Zwischen Pauken, Geigen und Kontrabässen tummeln sich über 60 junge Musiker in aufgeregter Wiedersehensfreude: „Vor ein paar Wochen waren wir mit dem Orchester noch in Südafrika - da war es richtig sommerlich warm. Und jetzt das. Aber ich finds cool!“, sagt Hornist Felix, sein Kollege Anton ergänzt: „Ich finde es super, so das BJO-Loch umgehen zu können: Wenn man wie wir im Sommer über mehrere Wochen gemeinsam unterwegs und 24 Stunden am Tag zusammen war, dann bekommt man zu Hause immer ein ‚nach-BJO-Loch‘. Daher ist es jetzt besonders schön, die Leute wieder alle zu sehen“.
Seit Sonntag widmen sich die 14- bis 20-jährigen Musiker des Bundesjugendorchesters unter der Leitung von Dirigent Frank Strobel dem Stummfilm „Nathan der Weise“, zu dem der deutsch-libanesischen Musiker Rabi Abou-Khalil eine Komposition geschrieben hat. Für viele der jungen Sinfoniker ist dies die erste Begegnung mit einer unbekannten musikalischen Klangwelt: „Die Musik, die Abou zu dem Stummfilm komponiert hat, hat mich beim ersten Spiel zu Hause schon verwirrt, weil ich die Rhythmen und Klänge überhaupt nicht kannte. Es ist ein ganz anderer Musikstil. Aber es ist interessant.“
Auch die Probenarbeit gestaltet sich anders als gewohnt: Auf einem großen Monitor läuft der Stummfilm, während Frank Strobel die Musiker durch den ersten Akt leitet. Einige Musiker kennen das Stück „Nathan der Weise“ aus dem Schulunterricht, für viele ist der Stoff aber neu, daher ist der Film für sie besonders interessant. Anton: „Ich gucke fast direkt auf den Monitor, weil wir Celli direkt davor sitzen, und versuche ab und an einen Blick darauf zu werfen wenn es die Spielsituation erlaubt. Das ist manchmal ein bisschen gefährlich, weil es doch ablenkt. Die Kostüme, die Schminke, die Gestik der Schauspieler ist irgendwie total überzogen – aber sie müssen das ja darstellen, was man sonst verbal ausdrücken würde. Wir haben heute den ersten Akt gespielt – morgen geht’s weiter. Ich bin gespannt, wie man sich an die andere Spielweise gewöhnt und wie es sich entwickelt.“ Wir auch.
20.10.2009 16:22 - Anke Steinbeck
Standing Ovation und ein nicht endender Applaus: Die Uraufführung des Stummfilmprojektes „Nathan der Weise“ in der Philharmonie am Gasteig war ein voller Erfolg. Vor gut besuchtem Haus überzeugte die Komposition von Rabih Abou-Khalil (auch Oud), die dieser für den 1921 entstandenen Stummfilm „Nathan der Weise“ geschrieben hatte, ebenso sehr, wie die Interpretationen der Solisten Michel Godard (Tuba), Jarrod Cagwin (Percussion) und nicht zuletzt des Orchesters unter der Leitung von Frank Strobel. Die mehr als 1.300 Gäste waren schier aus dem Häuschen, ein anhaltender Applaus und „Bravo“-Rufe belohnte die Musiker für eine Woche intensiver Probenarbeit, die aber, so der Orchestervorstand Tobias „extrem viel Spaß gemacht hat! Ich glaube, wir alle hätten nie gedacht, dass solche Musik so spannend sein kann. So nah, sind wir solchen Klängen noch nie gewesen – wir haben extrem viel gelernt.“
Wie gut die Musiker inzwischen aufeinander eingespielt waren, zeigte sich nicht zuletzt an einer kleinen Panne, die aber dank der guten Reaktion aller Beteiligten von kaum einem Zuschauer bemerkt wurde: Bei der Überspielung des Films auf das benötigte Format hatte sich ein Komprimierungsfehler eingeschlichen, weshalb es auf dem Monitor des Dirigenten und der Leinwand zu einem 5-sekündigen Aussetzer im Film kam. Die Musiker, die während des Musizierens vom Film kaum etwas sehen konnten, nahmen jedoch Frank Strobels Gesten sofort auf und sprangen gekonnt an die Stelle, die der Dirigent ihnen per Fingerzeig zuwies. So konnte die Musik synchron zum Film weiterlaufen und zeitgleich beendet werden.
Auf dem anschließenden Empfang herrschte erwartungsgemäß pure Euphorie: „Dieses Orchester ist wirklich einmalig!“, sagte der Komponist Rabih Abou-Khalil und Dr. Gottfried Langenstein, ARTE-Präsident und Direktor Europäische Satellitenprogramme des ZDF, pflichtete ihm bei. Was die Musiker besonders erfreute: In der Begrüßungsansprache hatte Dr. Gottfried Langenstein bereits durchklingen lassen, dass „dieses „Projekt eine Fortsetzung finden muss!“. Demnach gibt es bereits Planungen, die das Orchester im kommenden Jahr zu einer Konzerttournee nach Boston und Washington führen soll. Desweiteren ist ein Gastspiel in Osteuropa und weiteren östlichen Ländern angedacht. Die „Toleranzinitative“ wird hier wie dort in jedem Fall Spuren hinterlassen.