»Nathans Ende oder Der Schlaf der Vernunft?« - Die Ausstellung
02.09.2009 20:31 - Thomas Schmölz
Ausstellung vom 24. Okt. - 01. Nov. 2009
im Foyer der Philharmonie im Gasteig.
Eintritt frei.
von Matthias Hanke
„Es kann wohl seyn, dass mein Nathan wenig Wirkung tun würde, wenn er auf das Theater käme, welches wohl nie geschehen wird. Genug wenn es sich mit Interesse nur lieset.“ So schrieb Gotthold Ephraim Lessing im April 1779 an seinen Bruder Karl Gotthelf. Wenngleich der Weg dieses Theaterstücks auf die Bühne in der Tat schwierig war, so hatte sich Lessing in der Einschätzung der Wirksamkeit seiner Dichtung letztlich doch geirrt: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist das Drama nicht mehr von den Spielplänen wegzudenken. Heute – 226 Jahre nach der Uraufführung – gehört „Nathan der Weise“ zu den meistgespielten Stücken überhaupt, nicht zuletzt weil es in der globalisierten Welt neu aufgebrochener religiöser und kultureller Auseinandersetzungen ein Konflikt- und Begegnungsmodell ohne Beispiel ist.

Die Ausstellung der Arbeitsstelle für Lessing-Rezeption Kamenz spürt der Wirkungsgeschichte „Nathans des Weisen“ nach und spannt dabei einen Bogen von der Entstehung über die wechselvolle Bühnengeschichte des Stücks bis hin zur Radikalität der Erinnerung, mit der beispielsweise George Tabori das Publikum 1991 in seiner Adaption „Nathans Tod“ konfrontierte. Dem interessierten Besucher wird sich Lessings Vision einer toleranten Menschengemeinschaft als uneingelöste Möglichkeit und als alternativlose Hoffnung in einer präsenten und sinnlichen Exposition zeigen.
Anhand verschiedener Exponate wie Buchausgaben, Kunstwerken und Theaterdokumenten wird die spannende und wechselvolle Geschichte des Umgangs mit der Dichtung nachvollziehbar. So prägte im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, neben den einschneidenden Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, das Theater die Sehweisen und den Erwartungshorizont gegenüber der Figur des Nathan, auf die Manfred Noas Film traf. Selbst in der Werbung des ausgehenden 19. Jahrhunderts fanden Motive des „Nathan“ Verwendung.

Einen Schwerpunkt legt die Ausstellung auf die Tatsache, dass „Nathan“ und seine Wirkungsgeschichte auch Ausdruck einer 150-jährigen fruchtbaren und zugleich gefährdeten Kultursymbiose zwischen Deutschen und Juden in ihrem gemeinsamen Heimatland war. Die Ausstellungstafeln erinnern an Inszenierungen, die zu Meilensteinen in der Theatergeschichte wurden und jeweils neue Zugänge zu dem lessingschen Ideendrama gefunden haben: Von den Verkörperungen im 19. Jahrhundert über die Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin 1945 und die Darstellung Ernst Deutschs 1954 bis zu Claus Peymanns Inszenierung in Bochum 1981 und den künstlerischen Reaktionen auf die Situation nach dem 11. September 2001. Dabei werden auch Inszenierungsbeispiele aus anderen Kulturräumen vorgestellt, u.a. die „Nathan“-Aufführung der Pearl Theatre Company in New York im Jahre 2002.

Im Kontext der jeweiligen Entstehungszeit geben die Exponate zu erkennen, dass Künstler und Zuschauer immer wieder neue Fragen an Lessings „Nathan“ gestellt haben. Um Existentielles und schmerzhaft Uneingelöstes ging es da, nicht um entbehrlichen Zierrat.
Daten zur Ausstellung:
www.lessingrezeption-kamenz
Präsentation der Ausstellung vom 24. Oktober 2009 bis 1. November 2009 im Gasteig in München (Foyer der Philharmonie)
Autoren: Matthias Hanke und Birka Siwczyk (Kamenz)
Gestaltung: Marcus John (Dresden)
Übersetzungen: Ingrid Rothe und Geraldine Schuckelt
Gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages sowie durch das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst.



Die Präsentation in München wurde dankenswerterweise durch das ZDF ermöglicht.