bejubelt, verfemt, verschollen ...
nach über einem halben Jahrhundert wiederentdeckt ...

»Nathan der Weise« zu Gast beim YOUNG EURO CLASSIC FESTIVAL 2010
20. August 2010 | 20.00 Uhr

Konzerthaus am Gendarmenmarkt | Berlin


Musik: Rabih Abou-Khalil (2009)
Mit Rabih Abou-Khalil (Oud), Michel Godard (Tuba), Jarrod Cagwin (Percussion)und dem Bundesjugendorchester - Nationales Jugendorchester der Bundesrepublik Deutschland unter der Leitung von Frank Strobel.

19 Uhr: KONZERTEINFÜHRUNG
Ort: Musikclub im Konzerthaus - Einlass mit Ticket zum Konzert um 20 Uhr.

Hier Ticket online buchen.

Voller Erfolg, und es geht weiter ...

Standing Ovation und ein nicht endender Applaus: Die Uraufführung des Stummfilmprojektes „Nathan der Weise“ in der Philharmonie am Gasteig war ein voller Erfolg. Vor gut besuchtem Haus überzeugte die Komposition von Rabih Abou-Khalil (auch Oud), die dieser für den 1921 entstandenen Stummfilm „Nathan der Weise“ geschrieben hatte, ebenso sehr, wie die Interpretationen der Solisten Michel Godard (Tuba), Jarrod Cagwin (Percussion) und nicht zuletzt des Orchesters unter der Leitung von Frank Strobel. Die mehr als 1.300 Gäste waren schier aus dem Häuschen, ein anhaltender Applaus und „Bravo“-Rufe belohnte die Musiker für eine Woche intensiver Probenarbeit, die aber, so der Orchestervorstand Tobias „extrem viel Spaß gemacht hat! Ich glaube, wir alle hätten nie gedacht, dass solche Musik so spannend sein kann. So nah, sind wir solchen Klängen noch nie gewesen – wir haben extrem viel gelernt.“

Wie gut die Musiker inzwischen aufeinander eingespielt waren, zeigte sich nicht zuletzt an einer kleinen Panne, die aber dank der guten Reaktion aller Beteiligten von kaum einem Zuschauer bemerkt wurde: Bei der Überspielung des Films auf das benötigte Format hatte sich ein Komprimierungsfehler eingeschlichen, weshalb es auf dem Monitor des Dirigenten und der Leinwand zu einem 5-sekündigen Aussetzer im Film kam. Die Musiker, die während des Musizierens vom Film kaum etwas sehen konnten, nahmen jedoch Frank Strobels Gesten sofort auf und sprangen gekonnt an die Stelle, die der Dirigent ihnen per Fingerzeig zuwies. So konnte die Musik synchron zum Film weiterlaufen und zeitgleich beendet werden.

Auf dem anschließenden Empfang herrschte erwartungsgemäß pure Euphorie: „Dieses Orchester ist wirklich einmalig!“, sagte der Komponist Rabih Abou-Khalil und Dr. Gottfried Langenstein, ARTE-Präsident und Direktor Europäische Satellitenprogramme des ZDF, pflichtete ihm bei. Was die Musiker besonders erfreute: In der Begrüßungsansprache hatte Dr. Gottfried Langenstein bereits durchklingen lassen, dass „dieses „Projekt eine Fortsetzung finden muss!“. Demnach gibt es bereits Planungen, die das Orchester im kommenden Jahr zu einer Konzerttournee nach Boston und Washington führen soll. Desweiteren ist ein Gastspiel in Osteuropa und weiteren östlichen Ländern angedacht. Die „Toleranzinitative“ wird hier wie dort in jedem Fall Spuren hinterlassen.

Kinoatmosphäre im Gasteig

„Was machen denn eigentlich die ganzen Männer hier auf der Bühne?“, fragt Julia. Die Geigerin ist verwirrt: Statt ruhiger Konzertsaal-Atmosphäre herrscht ein hektisches Treiben auf der Bühne der Philharmonie im Gasteig. Rund 15 schwarzgekleidete Männer und Frauen bauen Kameras auf, verlegen Kabel, stellen Monitore, Licht und Mischpulte ein, rufen technische Einstellungskommentare durch den Raum. „Parallel zum Soundcheck wird die Projektion getestet. Streulicht von unten (es waren eben doch die falschen, nicht dimmbaren Pultleuchten) bringt jeden Vorführer zur Verzweiflung. Hinter der fleckigen Scheibe der Projektionskabine steht unser Vorführer Johannes in Walkie-Talkie-Verbindung mit Christian, der die letzten vier Monate mit der HD-Restaurierung und rundherum neuen Lichtbestimmung am Film verbrachte. Beide korrigieren noch die Kontraste nach“, erklärt Nina Gosslar, Redakteurin beim ZDF und ARTE und Initiatorin des Projektes.

Die Bühne ist inzwischen in ein dunkles Licht getaucht. Eine riesige Leinwand befindet sich hinter den Musikern, die Notenständer sind mit Pultleuchten versehen. „Ich werde heute Abend ein weißes Hemd tragen, damit ihr mich überhaupt sehen könnt“, lacht Frank Strobel. “Was tragen eigentlich die Musiker?“, greift Produktionsleiter Thomas Schmölz den Kommentar auf, „das haben wir ja ganz vergessen zu besprechen“. Die Musiker sind aber natürlich auf Konzert gepolt und alle haben ihre schwarzen Anzüge und Abendkleider bereit. Es herrscht freudige Vorspannung – gleich geht’s los. Toitoitoi.

Müde, aber glücklich

"Ich habe mich selber ziemlich oft verspielt, weil ich euch so begeistert zugehört habe", lacht Rhabi Abou-Khalil, "ihr wart wirklich super". Die Musiker applaudieren. Sie haben gerade die letzte Durchlaufprobe in Marktoberdorf beendet und sind nun, am Ende der Probenwoche, rechtschaffen müde. Die Koffer sind gepackt, die Instrumente gleich auch. Nun gibt es Abendessen und dann gehts los nach München. Im Doppeldeckerbus werden die 63 Musiker reisen und sich in der Nähe vom Gasteig einquartieren. "Ich fand die Woche anstrengend aber erfüllend. Das Stück hat total viel Spaß gemacht und das Konzert wird bestimmt super werden", sagt Julian Pontus Schirmer, Viola. "Ich hatte so Hunger, dass ich mich nur verspielt habe. Dabei habe ich erst vor 4 Stunden zu Mittag gegessen. Ich weiß auch nicht, aber auf BJO-Touren bin ich immer so hungrig. Meine Hosen passen mir schon nicht mehr", lacht Franziska Rau, Kontrabass. Das Essen hier in Marktoberdorf ist aber auch zu lecker. Noch einmal gehen die Musiker zum Abendessen und Franziska steht ganz vorne in der Schlange.

Alles im Kasten – die Proben gehen weiter

„Puh, was für ein Ritt“, durchgeschwitzt aber überglücklich stürmen die Kontrabass-Spieler, wie immer als erstes, zum Abendessen. In insgesamt 9 Stunden musikalischer Arbeit haben sie heute das geschafft, was nach dem ersten Probentag noch so fern lag: Die Musik ist im Kasten und – mindestens genauso wichtig – der Tonmeister sehr zufrieden: „Ich wusste schon, dass das Orchester gut ist, aber sie haben mich doch noch einmal überrascht: Diese Euphorie und die Bereitschaft für Neues, das hat man in dieser Form in Profiorchestern selten“, sagt Tonmeister Walter Quintus, „Dazu ist die Gruppe sehr homogen: sie sind alle sehr gut, alle sind engagiert. Ich will nicht sagen, dass es kein Gefälle gibt, das ist ja normal, aber es gibt niemanden, der mir in irgendeiner Form negativ oder desinteressiert aufgefallen wäre. Das BJO war für diese Art von Musik wirklich das beste Orchester, das ich mir vorstellen kann“. Die rund 70 Beteiligten haben das knapp zweistündige Werk in insgesamt rund 500 Takes eingespielt, diese müssen nun in säuberlicher Detailarbeit bearbeitet und zu einem Ganzen zusammengeschnitten werden: „Das ist natürlich noch viel Arbeit. Ich glaube aber, das Produkt wird richtig gut“, meint der Tonmeister weiter. Für ihn und die restliche Crew von Deutschlandradio geht es morgen zurück nach Berlin, denn der „Ü-Wagen“ fährt direkt weiter zur nächsten Produktion. Die Orchestermusiker bleiben noch einen Tag: Nach den Produktionstagen nehmen sich Musiker und Dirigent noch einen Tag Zeit, einzelne Passagen nochmal genauer anzusehen und die Übergänge einzustudieren. Schließlich soll auch das Konzert im Gasteig perfekt werden.

Trotz geschundener Lippen und Muskelkater von nächtlichen Kegelexzessen wird es auch jetzt nicht ruhig in Marktoberdorf: Während die Bässe noch essen, packen die Blechbläser schon wieder ihre Instrumente aus und widmen sich im Dachgeschoss des Schlosses einer ganz anderen Stilrichtung: der Blasmusik. In der Kellerbar erklingen jazzigere Rhythmen: Nach langem Bitten konnte der 15-jährige Fagottist Theo überzeugt werden, am Klavier für etwas Hintergrundmusik zu den abendlichen Gesprächen zu sorgen. Doch nicht lange, und die vermeintliche Hintergrundmusik entwickelt sich zum Highlight: Theo hatte sich nach der vor einigen Wochen zu Ende gegangenen Arbeitsphase des BJOs die Klaviernoten der „Rhapsody in blue“ von George Gershwin gekauft und den Solopart, der bei den Konzerten im Sommer von Dennis Russel Davies bzw. Caspar Frantz gespielt wurde, am heimischen Klavier „aus Spaß“ einstudiert. Nun hat er das Stück auswendig drauf und spielt das Werk in einem Tempo und mit einer Inbrunst, dass selbst den älteren Orchestermitgliedern die Münder offen stehen bleiben. Nach großem Jubel dann noch eine Zugabe: Bach. Auch hier breite Begeisterung. Aber eine zweite Zugabe will der junge Mann dann doch nicht geben: „Nein, nein, ich bin noch unter 16, ich muss jetzt ins Bett“.

Musikalische Klagemauer

„Jetzt klingt es wie eine Klagemauer. Fantastisch!“, freut sich Rhabi Abou-Khalil. Auch nach knapp 10-stündiger Probe fehlt es den Musikern nicht Enthusiasmus für die Musik. Rhabi: „Wir haben heute richtig viel geschafft: heute Vormittag haben wir einen Akt eingespielt, heute Nachmittag einen, und jetzt heute Abend haben wir in einer gesonderten Probe die solistisch besetzten Passagen noch einmal gemacht. Puh, das war viel Arbeit – aber jetzt können wir zufrieden sein“. Es ist kurz nach 21 Uhr, als Dirigent Frank Strobel den Taktstock sinken lässt: „Feierabend“ – und schon springen die Musiker drinnen im Saal von ihren Plätzen auf. Was ist los?: „Heute ist Champions League, das muss ich sehen“, erklärt Konzertmeister Tobias während er in Windeseile seine Geige aus dem Jahr 1673 verpackt und sich auf den Rücken schnallt. Gemeinsam mit einigen Jungs zieht er rasch in Richtung Fernsehraum ab. Und die Mädels? Die haben heute einen freien Abend und genießen ihn nach Ladys Art: Sie haben sich die Sauna der Akademie angestellt und lassen den Abend in Wellnessmanier gemütlich ausklingen.

„AUFNAHME – Absolute Ruhe!“

„Oh man, die hören aber auch jeden Fehler“, Kontrabassist Yannick rümpft die Nase, „Echt, die Stelle ist aber auch schwer. Also nochmal, das muss ich jetzt hinkriegen“. Tatsächlich hat Tonmeister Walter keine Gnade mit den jungen Musikern, die nun schon seit zwei Tagen an den Aufnahmen zum Werk „Nathan der Weise“ arbeiten: Eine Kamera überträgt ständig Bilder in den Tonwagen des Deutschlandradios vor den Toren des Schlosses, über 20 Mikrophone hören jeden noch so kleinen Patzer. „Da kann man nicht schummeln“, lacht Dirigent Frank Strobel. „Jeder Takt muss stimmen, wir arbeiten sehr penibel. Deshalb hängen wir gerade auch etwas hinterher. Nach zwei Probentagen haben wir erst gut ein Drittel im Kasten. Aber es wird. Die Musiker sind unheimlich engagiert, daher habe ich keine Zweifel, dass wir nun, nachdem wir uns warm gespielt haben, den Rest rasch schnell schaffen werden“.

Unter den Musikern ist die Stimmung nach wie vor gut: „Ich stehe auf die rhythmischen Sachen, die der Solist Jarrod Cagwin auf seinen Trommeln macht. Und Rhabi Abou-Khalil ist lustig: er erklärt seine Komposition immer sehr anschaulich und an guten Beispielen. Es macht Spaß, mit so jemandem zusammenzuarbeiten“, sagt Geiger Sebastian. Für ihn wie auch die meisten anderen ist die Film-Komponente eine neue Erfahrung: „Ich habe noch nie einen Stummfilm gesehen, bis auf Charly Chaplin oder so. Gleichzeitig finde ich Filmmusiken von aktuellen Filmen aber auch immer ganz gut. Wir spielen hier im BJO regelmäßig aus Fun abends, nach den Proben, noch ein bisschen Filmmusik. Dann dirigiert einer von uns. Das macht echt Spaß. Hier jetzt auch mal selber eine Filmmusik einzuspielen ist geil. Wenn die Noten es zulassen gucke ich immer auf den Fernseher. Das geht ganz gut, denn wir haben in den Streichern ziemlich viel Pause, was für uns eine ganz neue Erfahrung ist.“

Auch jenseits der Proben, beim abendlichen Zusammensitzen, findet die Verarbeitung des am Tag erlebten eine Fortführung: Nathans Verhalten und der Konflikt der Religionen reizt zu Gesprächen. Sebastian: „Ich finde es schon cool, dass der Konflikt der Religionen in dieser Art und Weise thematisiert wurde. Er ist bis heute aktuell. Bei uns im Ruhrgebiet und bei mir in der Schule sind sehr viele Religionen, die aufeinandertreffen, und da gibt es hin und wieder Sticheleien. Wir haben das Buch nicht im Unterricht durchgenommen, haben das Thema nur im Religionsunterricht angesprochen. Ich denke, ein solches Werk gehört eigentlich in jedem Fall in den Lehrplan – zumindest im Religionsunterricht.“

Nun ist es aber genug der Diskussion: Eine Gruppe Blechbläser ruft zum Kegeln. Schnell sind die Gruppen gebildet: Betreuer-Team und Dirigent treten an gegen vier junge Musiker. Ein spannendes Derby nach einem langen Produktionstag.

Neue Klangwelten im Schnee

Eine verschneite Berglandschaft, die Glocken der Schlosskirche läuten, wir sind mitten im Allgäu. Innerhalb der Mauern der Akademie Marktoberdorf entsteht jedoch eine ganz andere Welt: Zwischen Pauken, Geigen und Kontrabässen tummeln sich über 60 junge Musiker in aufgeregter Wiedersehensfreude: „Vor ein paar Wochen waren wir mit dem Orchester noch in Südafrika - da war es richtig sommerlich warm. Und jetzt das. Aber ich finds cool!“, sagt Hornist Felix, sein Kollege Anton ergänzt: „Ich finde es super, so das BJO-Loch umgehen zu können: Wenn man wie wir im Sommer über mehrere Wochen gemeinsam unterwegs und 24 Stunden am Tag zusammen war, dann bekommt man zu Hause immer ein ‚nach-BJO-Loch‘. Daher ist es jetzt besonders schön, die Leute wieder alle zu sehen“.

Seit Sonntag widmen sich die 14- bis 20-jährigen Musiker des Bundesjugendorchesters unter der Leitung von Dirigent Frank Strobel dem Stummfilm „Nathan der Weise“, zu dem der deutsch-libanesischen Musiker Rabi Abou-Khalil eine Komposition geschrieben hat. Für viele der jungen Sinfoniker ist dies die erste Begegnung mit einer unbekannten musikalischen Klangwelt: „Die Musik, die Abou zu dem Stummfilm komponiert hat, hat mich beim ersten Spiel zu Hause schon verwirrt, weil ich die Rhythmen und Klänge überhaupt nicht kannte. Es ist ein ganz anderer Musikstil. Aber es ist interessant.“

Auch die Probenarbeit gestaltet sich anders als gewohnt: Auf einem großen Monitor läuft der Stummfilm, während Frank Strobel die Musiker durch den ersten Akt leitet. Einige Musiker kennen das Stück „Nathan der Weise“ aus dem Schulunterricht, für viele ist der Stoff aber neu, daher ist der Film für sie besonders interessant. Anton: „Ich gucke fast direkt auf den Monitor, weil wir Celli direkt davor sitzen, und versuche ab und an einen Blick darauf zu werfen wenn es die Spielsituation erlaubt. Das ist manchmal ein bisschen gefährlich, weil es doch ablenkt. Die Kostüme, die Schminke, die Gestik der Schauspieler ist irgendwie total überzogen – aber sie müssen das ja darstellen, was man sonst verbal ausdrücken würde. Wir haben heute den ersten Akt gespielt – morgen geht’s weiter. Ich bin gespannt, wie man sich an die andere Spielweise gewöhnt und wie es sich entwickelt.“ Wir auch.

Roundtable: Der Neue Zorn Gottes

Samstag, 24. Oktober 2009, 18.00 Uhr
Foyer Glashalle West im Gasteig
Eintritt frei.

Rabih Abou-Khalil, Hilal Sezgin, Rolf Schieder, Marcia Pally und Christian Lüffe im Gespräch mit Andrian Kreye (Süddeutsche Zeitung)

Den Auftakt zur filmmusikalischen Toleranzinitiative »Nathan der Weise« bildet ein hochkarätig besetztes Roundtable-Gespräch mit dem Titel »Der neue Zorn Gottes«.

Religionspolitische Fragen haben in den letzten Jahren brennende Aktualität gewonnen – das Gespenst der Religion geht wieder um in der Welt, so die Diagnose vieler Kulturwissenschaftler und Philosophen. Der Kampf der Ideologien aus der Zeit des Kalten Krieges ist einem Kampf um den rechten Glauben gewichen – international, innenpolitisch und auch kulturpolitisch. Vor diesem Hintergrund fordert Lessings Toleranzutopie zu einer neuen Lektüre und Auseinandersetzung auf.

Mit der deutsch-türkischen Publizistin Hilal Sezgin (»Mohammed und die Zeichen Gottes«), dem evangelischen Theologen Prof. Dr. Rolf Schieder (»Sind Religionen gefährlich?«) und der US-amerikanischen Kulturwissenschaftlerin Marcia Pally (»Die hintergründige Religion«) sitzen drei AutorInnen auf dem Podium, deren Publikationen den aktuellen religionspolitischen Diskurs durchdringen. Weitere Gäste sind Dr. Christian Lüffe (Goethe-Institut) und der deutsch-libanesische Oud-Spieler und Komponist Rabih Abou-Khalil, aus dessen Feder die neue sinfonische Filmmusik zu »Nathan der Weise« stammt.

Durch das Gespräch führt Andrian Kreye (Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung).


Eine Veranstaltung von ZDF/ARTE und Goethe-Institut mit freundlicher Unterstützung durch das Kulturreferat München

Rabih Abou-Khalil und Frank Strobel im Gespräch

Das Gespräch mit Rabih Abou-Khalil (Komponist) und Frank Strobel (Dirigent) wurde unmittelbar nach den Proben mit dem BJO in Bonn in einer Hotellobby aufgezeichnet.



»Nathans Ende oder Der Schlaf der Vernunft?« - Die Ausstellung

Ausstellung vom 24. Okt. - 01. Nov. 2009
im Foyer der Philharmonie im Gasteig.
Eintritt frei.


von Matthias Hanke

„Es kann wohl seyn, dass mein Nathan wenig Wirkung tun würde, wenn er auf das Theater käme, welches wohl nie geschehen wird. Genug wenn es sich mit Interesse nur lieset.“ So schrieb Gotthold Ephraim Lessing im April 1779 an seinen Bruder Karl Gotthelf. Wenngleich der Weg dieses Theaterstücks auf die Bühne in der Tat schwierig war, so hatte sich Lessing in der Einschätzung der Wirksamkeit seiner Dichtung letztlich doch geirrt: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist das Drama nicht mehr von den Spielplänen wegzudenken. Heute – 226 Jahre nach der Uraufführung – gehört „Nathan der Weise“ zu den meistgespielten Stücken überhaupt, nicht zuletzt weil es in der globalisierten Welt neu aufgebrochener religiöser und kultureller Auseinandersetzungen ein Konflikt- und Begegnungsmodell ohne Beispiel ist.

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Die Ausstellung der Arbeitsstelle für Lessing-Rezeption Kamenz spürt der Wirkungsgeschichte „Nathans des Weisen“ nach und spannt dabei einen Bogen von der Entstehung über die wechselvolle Bühnengeschichte des Stücks bis hin zur Radikalität der Erinnerung, mit der beispielsweise George Tabori das Publikum 1991 in seiner Adaption „Nathans Tod“ konfrontierte. Dem interessierten Besucher wird sich Lessings Vision einer toleranten Menschengemeinschaft als uneingelöste Möglichkeit und als alternativlose Hoffnung in einer präsenten und sinnlichen Exposition zeigen.

Anhand verschiedener Exponate wie Buchausgaben, Kunstwerken und Theaterdokumenten wird die spannende und wechselvolle Geschichte des Umgangs mit der Dichtung nachvollziehbar. So prägte im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, neben den einschneidenden Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, das Theater die Sehweisen und den Erwartungshorizont gegenüber der Figur des Nathan, auf die Manfred Noas Film traf. Selbst in der Werbung des ausgehenden 19. Jahrhunderts fanden Motive des „Nathan“ Verwendung.

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Einen Schwerpunkt legt die Ausstellung auf die Tatsache, dass „Nathan“ und seine Wirkungsgeschichte auch Ausdruck einer 150-jährigen fruchtbaren und zugleich gefährdeten Kultursymbiose zwischen Deutschen und Juden in ihrem gemeinsamen Heimatland war. Die Ausstellungstafeln erinnern an Inszenierungen, die zu Meilensteinen in der Theatergeschichte wurden und jeweils neue Zugänge zu dem lessingschen Ideendrama gefunden haben: Von den Verkörperungen im 19. Jahrhundert über die Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin 1945 und die Darstellung Ernst Deutschs 1954 bis zu Claus Peymanns Inszenierung in Bochum 1981 und den künstlerischen Reaktionen auf die Situation nach dem 11. September 2001. Dabei werden auch Inszenierungsbeispiele aus anderen Kulturräumen vorgestellt, u.a. die „Nathan“-Aufführung der Pearl Theatre Company in New York im Jahre 2002.

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Im Kontext der jeweiligen Entstehungszeit geben die Exponate zu erkennen, dass Künstler und Zuschauer immer wieder neue Fragen an Lessings „Nathan“ gestellt haben. Um Existentielles und schmerzhaft Uneingelöstes ging es da, nicht um entbehrlichen Zierrat.


Daten zur Ausstellung:
www.lessingrezeption-kamenz
Präsentation der Ausstellung vom 24. Oktober 2009 bis 1. November 2009 im Gasteig in München (Foyer der Philharmonie)
Autoren: Matthias Hanke und Birka Siwczyk (Kamenz)
Gestaltung: Marcus John (Dresden)
Übersetzungen: Ingrid Rothe und Geraldine Schuckelt
Gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages sowie durch das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst.

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Die Präsentation in München wurde dankenswerterweise durch das ZDF ermöglicht.

Probenphase Bonn, August 2009

Nachdem zunächst Anfang August in Frankfurt (Oder) ein Koordinationstreffen der Dozenten des BJO mit dem Percussionisten Jarrod Cagwin stattfand, trafen am 24. und 25. August 2009 die Musikerinnen und Musiker des BJO erstmals auf den Komponisten Rabih Abou-Khalil, Jarrod Cagwin und den Dirigenten Frank Strobel.

Hier einige Impressionen von den Proben in Bonn:

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Besetzung
Violine: Karishma Adita, Katerina Chatzinikolau, Joana Collmer, Sebastia:n Dinu, Tobias Feldmann, Andreas Feldmann, Sophia Grabandt, Nils Hilbert, Julia Knapp, Christopher Kott, Theresa Lier, Lisa Taiyang Liu, Hildegard Niebuhr, Teresa Novák, Jannis Rieke, Fjodor Selzer, Teresa Sophia  Simone, Felicia Stepp, Julia Ungureanu, Valentin Ungureanu, Lisa Marie Vogel, Johanna Wundling 
Viola: Ann-Sophie Cristea, Ruth Kemna, Muriel Razavi, Daniel Rauscher, Julian Pontus Schirmer, Björn Sperling, Sarina Zickgraf, Magdalena Lautenbacher 
Cello: Sophie Notte, Anton Richter, Kundry Röder-Sorge, Jakob Stepp, Nicole Wiebe, Marie-Louise Wundling
Bass: Benedikt Büscher, Franziska Rau, Yannick Sartorelli, Heike Schäfer, Alexander Wachauf-Tautermann
Flöte: Carina Mißlinger, Christine Pöche, Lilja Steininger
Oboe: Juri Schmahl, Nele Stibani
Klarinette: Patrick Hollich, Andreas Kowalczyk, Johannes Schultz
Fagott: Lydia Pantzier, Theo Plath
Horn: Felix Baur, Felix Klieser, Marlene Pschorr
Trompete: Peter Dörpinghaus, Michael Kopp, Jonathan Müller
Posaune: Felix Eckert, Aaron Stilz, Jonas Burow
Schlagzeug: Artemij Bussovikov, Markus Kurz, Viviane Vassileva

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Termine

20. August 2010 | 20.00 Uhr
Young Euro Classic Festival 2010
Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Berlin


Eine Veranstaltung von Young Euro Classic in Kooperation mit 2eleven || zeitgenössische musik projekte und dem Bundesjugendorchester - Nationales Jugendorchester der Bundesrepublik Deutschland.
Mit freundlicher Unterstützung durch Deutscher Musikrat, Verein Freunde des Festivals Young Euro Classic, Axel Springer Stiftung und Goethe-Institut.


31. Mai 2010 | 23:30 Uhr
Ursendung auf ARTE

WELTPREMIERE DES FILMKONZERTS

24. Oktober 2009 | 20:00 Uhr
Philharmonie im Gasteig München

Musik: Rabih Abou-Khalil
Mit Rabih Abou-Khalil (Oud), Jarrod Cagwin (Percussion), Michel Godard (Tuba) und dem Bundesjugendorchester - Nationales Jugendorchester der Bundesrepublik Deutschland unter der Leitung von Frank Strobel.


... weitere Aufführungsdaten in Kürze.

Über den Film

Von Nina Goslar, ZDF


Nathan der Weise, D 1922, Länge: ca 122 Min. - restaurierte viragierte Fassung als HD-DVD in der Edition filmmuseum

Regie: Manfred Noa (1893-1930)

Darsteller: Werner Krauss (Nathan), Carl de Vogt (Tempelherr), Fritz Greiner (Saladin), Bella Muzsnay (Recha), Lia Eibenschütz (Sittah, Schwester des Sultan)

Der 1922 entstandene Film »Nathan der Weise« ist bis heute die einzige Verfilmung des großen Lessing-Dramas. Inszeniert wurde der Film von Manfred Noa, einem der talentiertesten jungen Regisseure der Weimarer Republik. Nathan lief ab 1923 erfolgreich in deutschen und ausländischen Kinos und erhielt vielerorts spontanen Szenenbeifall, an anderen Orten war er schon bei der Premiere Ziel organisierter antisemitischer Propaganda. Nach 1933 verschwand der Film völlig aus den Kinoprogrammen. Erst 1996 wurde die einzig erhaltene Kopie des Films im Staatlichen Russischen Filmarchiv wiederentdeckt und 2006 im Filmmuseum München sorgsam restauriert.

Regisseur und Produzent hatten den Ehrgeiz, einen publikumswirksamen Film zu machen. Die Hauptrollen sind mit Werner Krauß als Nathan und Carl de Vogt als Tempelherr prominent besetzt. Manfred Noa setzt die Geschichte in großen Szenen um; im Stil der monumentalen Historienmalerei des 19. Jahrhunderts baut er malerische Tableaus und inszeniert vor diesem Panorama kammerspielhafte Szenen von hoher Intensität.

Es entstand ein Film von ungebrochener Aktualität, der – die Inszenierung als Historienfilm mag das zunächst nicht vermuten lassen - einen durchaus modernen Blick auf Lessings ‚Dramatisches Gedicht’ aus dem Jahre 1779 wirft. Die Eckpunkte der Handlung bleiben dieselben, die Ring-Parabel steht im Mittelpunkt, der Appell am Schluss zur Toleranz ist da - und doch spricht aus dem Film eher Skepsis gegenüber der ordnenden Kraft menschlicher Vernunft und aufklärerischer Ideale. Noas Verfilmung lenkt den Blick auf die Gefährdungen von Lessings Toleranz-Utopie und thematisiert den Irrsinn der Glaubenskriege, in denen sich der Appell für Glaubensfreiheit fast als Wahnwitz ausnimmt (vgl. FAZ-Kritik vom 21.08.07).

Förderung und Sichtbarmachung des deutschen Filmkulturerbes


Ein dreiviertel Jahrhundert nach seiner letzten Kinovorführung soll mit diesem Vorhaben der Stummfilm »Nathan der Weise« im Rahmen eines sinfonischen FilmKonzertes erstmals wieder einem großen Publikum zugänglich gemacht werden. Als ein “Triumph der cineastischen Energie” und aus filmhistorischer Sicht als “ein Vorgriff auf die Hollywood-Ästhetik”[1], stellt er einen Meilenstein filmischen Schaffens aus der Zeit der Weimarer Republik dar, deren notwendige Aufarbeitung jüngst auch den Deutschen Bundestag beschäftigte: “Filme sind ein unersetzbarer Bestandteil des Kulturerbes. Sie sind Gedächtnisarchive und schaffen einen besonderen Zugang zu […] Hoffnungen und Utopien, zu Unabgegoltenem und Verdrängtem, zu einem immer wieder neu zu erschließenden Reichtum der historisch gewordenen Welt.”[2]

[1] Georg Seeßlen: Toleranz fürs Kino gerettet., DIE ZEIT Nr. 27 vom 28.06.2007, S. 44

[2] Deutscher Bundestag, Drucksache 16/8504: Auszug aus einem Antrag Fraktionen CDU/CSU, SPD, FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN vom 12. März 2008

Musikalische Nachwuchsförderung


Die Kooperation mit dem Bundesjugendorchester als einer der wichtigsten Institutionen, die die nationale Orchesternachwuchsförderung aufzuweisen hat, soll einerseits durch die konkrete Arbeit an und mit der Musik von Rabih Abou-Khalil die jungen Musikerinnen und Musiker für die zeitgenössische Musik im Allgemeinen und die arabische Musikkultur im Besonderen sensibilisieren. Andererseits will sie in ihrer Außenwahrnehmung den Anspruch der Jugend auf eine friedliche Zukunft in Freiheit formulieren.

Toleranzappell


Der Film »Nathan der Weise«, 1922 unter der Regie von Manfred Noa bei der Münchner EMELKA produziert und ein halbes Jahrhundert verschollen geglaubt, ist eine der wichtigsten filmhistorischen Entdeckungen der letzten Jahre. Ein exzellentes Beispiel für politisch engagiertes Kino der frühen Filmgeschichte. Regisseur und Produzent des Films wollten einen ‚Film der Humanität’ mit einem Plädoyer für ein friedliches Zusammenleben der Religionsgemeinschaften und Völker schaffen. Angesichts der weltweit eskalierenden Konflikte zwischen den drei großen monotheistischen Religionen, die unsere Gegenwart in bisher nicht gekanntem Maße bestimmen, soll der Film im Rahmen sinfonischer FilmKonzerte auf eindrückliche und universal verständliche Weise für mehr Toleranz und Achtung der kulturellen und religiösen Vielfalt in einer globalisierten Gesellschaft werben.

Inspiration

»Der Krieg um die ‘Aneignung von Jerusalem’ ist heute der Weltkrieg. Er findet überall statt, er ist die Welt, er ist heute die singuläre Figur ihres ‘out-of-joint-Seins’.«[1]

Jacques Derrida



Peter Sloterdijk greift in seinem Opus »Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen«[2] quasi als “Warntafel” voranstellend die Äußerungen des im Herbst 2004 verstorbenen Jacques Derrida auf, “die auf eine besonders explosive semantische und politische Gefahrenstelle der heutigen Welt aufmerksam macht – auf jenen Nahen und Mittleren Osten, in dem drei durch Konkurrenz ineinander verzahnte messianische Eschatologien, wenn Derrida recht hätte, »alle Kräfte der Welt und die ganze ‘Weltordnung’ für den gnadenlosen Krieg, den sie sich liefern, direkt oder indirekt«, mobilisieren.”[3] Mit einem Rekurs auf Lessings Ringparabel, die Sloterdijk als Versuch der “Domestikation der Monotheismen aus dem Geist der guten Gesellschaft” sieht, begegnet er in seinem Buch der Intoleranz mit dem Plädoyer für eine wechselseitige Anerkennung des Nahen Ostens und Europas.

Es ist eines dieser Bücher, die uns nach vollbrachter Lektüre das gute Gefühl geben, in Einklang mit dem vom Autor vorgedachten Gedankengut, die gewesene Welt zu verstehen. – Alles wird gut! – Zumindest bis zum letzten Absatz der vorletzten Buchseite. Dort steht in bestechender Schlichtheit die Sloterdijk’sche Quintessenz und vermeintliche Lösung aller Probleme niedergeschrieben: “Die Kulturen zivilisieren sich gegenseitig”. Die ernüchternde Erkenntnis aus diesem Fazit ist, dass dieses alleine nicht zwangsläufig einen Weg aus dem Konflikt aufzeigt. – Wird es wirklich gut? – Spätestens in diesem Moment droht die soeben zart gewachsene Zuversicht im Schatten einer raumgreifenden Ohnmacht zu verkümmern. 

Einer schleichenden Ohnmacht sahen sich vermutlich auch Gotthold Ephraim Lessing und Erich Wagowski ausgesetzt. Beide auf unterschiedliche Weise in ihrer Existenz bedroht, formulierten mit ihren Mitteln einen Appell an die Vernunft und Toleranz: Lessing, der 1779 in Folge des als Fragmentenstreit[4] in die deutsche Diskursgeschichte eingegangenen Disputes mit dem hamburgischen Hauptpastor Johann Melchior Goeze sein dramatisches Gedicht “Nathan der Weise” schreibt; Erich Wagowski, der sich als jüdischer Filmproduzent im München der 1920er Jahre angesichts eines grassierenden Antisemitismus immer stärkeren Repressionen ausgesetzt sieht und mit der Verfilmung von “Nathan der Weise” auch ein politisches Signal setzen will (siehe hierzu S. 16 ff: “Der Fall »Nathan der Weise«”). So ist der 1922 unter der Regie von Manfred Noa produzierte Film heute ein exzellentes Beispiel für politisch engagiertes Kino der frühen Filmgeschichte.

Als ein “Triumph der cineastischen Energie” und aus filmhistorischer Sicht als “ein Vorgriff auf die HollywoodÄsthetik”[5], stellt er einen Meilenstein filmischen Schaffens aus der Zeit der Weimarer Republik dar, deren notwendige Aufarbeitung jüngst auch den Deutschen Bundestag beschäftigte: “Filme sind ein unersetzbarer Bestandteil des Kulturerbes. Sie sind Gedächtnisarchive und schaffen einen besonderen Zugang zu […] Hoffnungen und Utopien, zu Unabgegoltenem und Verdrängtem, zu einem immer wieder neu zu erschließenden Reichtum der historisch gewordenen Welt.”[6] Regisseur und Produzent wollten einen ‚Film der Humanität’ mit einem Plädoyer für ein friedliches Zusammenleben der Religionsgemeinschaften und Völker schaffen. Der “uralt moderne Film” zeigt deshalb nicht die Eleganz von Lessings dramatischer Lösung mittels eines großen Familienbandes, als kritischer “Toleranzschocker”[7] inszeniert er vielmehr die Verhältnisse und Gefahren, aus denen eine Lösung der Konflikte erwachsen muss.[8] Der Glücksfall »Nathan der Weise«, eine der wichtigsten filmhistorischen Entdeckungen der letzten Jahre, kann insofern als eine schicksalhafte zweite Chance gesehen werden, durch seine eindrückliche und universal verständliche Bildsprache den in unserer schnelllebigen Zeit oftmals vergessenen Traum von Utopia aus den corticalen Nischen unserer Gehirne wieder hervorzukehren.

Dies gelingt umso beeindruckender, als dass der Film durch die neue sinfonische Musik des deutschlibanesischen Komponisten und Oud-Spielers Rabih Abou-Khalil in geradezu kongenialer Weise in eine klangliche Gegenwart getaucht wurde. Rabih Abou-Khalil selbst ist inmitten des vom Bürgerkrieg gezeichneten Beirut aufgewachsen und im Alter von 20 Jahren nach Deutschland geflohen. Mit der Unausweichlichkeit der eigenen Biographie verwebt er arabische mit europäischen Spielweisen und Stilistiken, indem er monodische Leitmotive um harmonische Komplementäre abendländischer Prägung mäandern lässt. Dabei entsteht ein musikalisches Kraftfeld, aus dem das Bundesjugendorchester unter der Leitung des international gefragten Filmdirigenten Frank Strobel völlig neue orchestrale Klangfarben erwachsen lässt. Stellvertretend für ihre Generation werben die jungen Musikerinnen und Musiker von Deutschlands jüngstem Spitzenorchester durch ihre Mitwirkung für eine friedliche Zukunft in Freiheit.

Von Jean Cocteau stammt der Aphorismus: „Dem Schlaf enthoben, welkt der Traum“. Mit dem Projekt »Nathan der Weise. Eine filmmusikalische Toleranzinitiative« wollen die Initiatoren den Traum der Utopie und ein Stück weit in die Wachwelt tragen.

Thomas Schmölz


[1] Jacques Derrida, Marx’ Gespenster, Frankfurt am Main 1995. In: Peter Sloterdijk, Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen, Verlag der Weltreligionen im Inselverlag Frankfurt am Main 2007. Für seine perspektivenreiche und provokative Analyse wurde ihm 2008 der Lessing-Preis für Kritik überreicht.
[2] Peter Sloterdijk, ebenda.
[3] Jacques Derrida, Marx’ Gespenster, S. 87. In: Peter Sloterdijk, Frankfurt am Main 2007
[4] „Mit dem Titel Fragmentenstreit wird die bedeutendste theologische
Auseinandersetzung des 18. Jahrhunderts in Deutschland und die wohl wichtigste Kontroverse zwischen der Aufklärung und der orthodoxen lutherischen Theologie bezeichnet.“ (Quelle: Wikipedia) Es geht um die Schrift "Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes" von Hermann Samuel Reimarus, die Lessing als Leiter der herzöglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel in Auszügen als „Fragmente eines Ungenannten“ veröffentlicht, und sich daraufhin in einen mehrere Jahre andauernden Streit mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze verwickelt sah, der im Jahr 1778 für Lessing schließlich in einem generellen Publikationsverbot auf dem Gebiet der Religion mündete.
[5] Georg Seeßlen: Toleranz fürs Kino gerettet., DIE ZEIT Nr. 27 vom 28.06.2007, S. 44
[6] Deutscher Bundestag, Drucksache 16/8504: Auszug aus einem Antrag Fraktionen CDU/CSU, SPD, FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN vom 12. März 2008
[7] Gerhard Stadelmaier: Wenn Gesten denn klingen können., FAZ
vom 21.8.2007, S. 37
[8] Vgl. ebenda.

Bundesjugendorchester - Nationales Jugendorchester der Bundesrepublik Deutschland


Der außerordentliche Standard des Bundesjugendorchesters resultiert aus der langjährigern kontinuierlichen Arbeit. Seit der Gründung des Orchesters durch den Musikpädagogen Dr. Peter Koch im Jahr 1969 treffen sich hochbegabte 14- bis 19-Jährige Instrumentalisten aus der gesamten Bundesrepublik, die ihre außergewöhnlichen Leistungen bereits bei verschiedenen Wettbewerben wie z. B. »Jugend musiziert« unter Beweis stellen konnten. Sie verzichten für die dreimal jährlich stattfindenden Arbeitsphasen sowie für anspruchsvolle Sonderprojekte auf Ferien und Freizeit. Dozenten aus Musikhochschulen und großen Sinfonieorchestern, wie den Berliner Philharmonikern, bereiten sie in den einzelnen Instrumentengruppen auf die Arbeit im Gesamtorchester vor. Die Orchestermitglieder sind den Umgang mit Dirigenten wie Gerd Albrecht, Heinz Holliger, Bernhard Klee, Kurt Masur, Heinrich Schiff und Mario Venzago gewohnt, und fordern sie durch den sich weit vom Routinebetrieb bewegenden Lernprozess, der sich aus Unterricht und künstlerischer Eigenverantwortung zusammensetzt.

Nach jeder Arbeitsphase scheiden ältere Mitglieder aus und jüngere kommen hinzu. So ist das Ensemblebild stets von neuen Gesichtern geprägt. Jedes Konzert des Bundesjugendorchesters hat deshalb auch künstlerisch und menschlich etwas Einmaliges, das Routine nicht zulässt, sondern für frische, von der jugendlichen Aura des Orchesters geprägte Interpretation sorgt. Auch ruft das Bundesjugendorchester mit seinen interessanten und vielseitigen Programmen internationale Begeisterung hervor. Doch die musikalische Qualifikation im Ensemble geht immer auch mit einer sozialen Hand in Hand. Bedenkt man, welche Trainingsmöglichkeiten für menschliche Konfliktsituationen, die über das rein musikalische hinausgehen, den jungen Musikern geboten werden, so mag man die Bedeutung erkennen, die das Bundesjugendorchester zu weit mehr als einer Nachwuchsförderung für Orchestermusiker werden lässt.

Seit einigen Jahren engagieren sich die jungen Musiker besonders im Rahmen grenzüberschreitender und zeitgeschichtlich bedeutender Projekte. Konzerte in Israel mit Gary Bertini, im ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt mit Gerd Albrecht gehören ebenso dazu wie die Gedenkkonzerte für die Opfer der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki mit dem Requiem von Mozart und Luigi Nonos »Sul Ponte die Hiroshima« unter der Leitung von Bernhard Klee. Eine USA-Tournee mit Kurt Masur anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der Berliner Luftbrücke zählt zu den weiteren Highlights. Auch diese Art von unkonventionellem Kulturengagement zeichnet das Bundesjugendorchester aus.

Seit der Gründung liegt die Trägerschaft des Bundesjugendorchesters beim Deutschen Musikrat. Von Beginn an haben das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und die Deutsche Stiftung Musikleben die Grundfinanzierung des Orchesters übernommen. Weitere Unterstützung erfährt es durch den Westdeutschen Rundfunk und die Daimler AG. Durch die Zusammenarbeit des Deutschen Musikrates mit dem WDR und anderen Rundfunkanstalten erscheinen regelmäßig CDs, die inzwischen zu einer beeindruckenden Dokumentation der Arbeit von Deutschlands jüngstem Spitzenorchester geworden sind.

Frank Strobel | Dirigent


(*1966, München)
Als ein Künstler, der sich bewusst zur Auseinandersetzung mit übergreifenden Genres und Stilarten der Musik bekennt, pflegt der 1966 in München geborene Dirigent Frank Strobel neben dem klassisch-romantischen Repertoire und der Musik des 20. Jahrhunderts mit großer Lust auch das weite Feld von "Musik und Film". Er leitete Uraufführungen von Werken der Komponisten Franz Schreker, Alexander Zemlinski und Siegfried Wagner sowie eine Reihe von Erst- und Uraufführungen jüngerer Werke des Musiktheaters. Eine besondere künstlerische Beziehung verband ihn mit Alfred Schnittke. 2003 leitete er die Uraufführung und Einspielung der Originalmusik zu "Alexander Newski" von Sergei Prokofjew, deren Originalpartitur er auch rekonstruierte. Dafür wurde Frank Strobel mit der höchsten zivilen Auszeichnung Russlands prämiert. Im Jahr 2006 dirigierte er in der Semperoper die Staatskapelle Dresden anlässlich der Wiederaufführung des “Rosenkavalier”-Films mit der Originalmusik von Richard Strauss. Neben seiner Konzerttätigkeit ist Frank Strobel als Filmdirigent international bekannt geworden. Er richtete Originalmusiken und Neukompositionen zu über fünfzig Stummfilmklassikern ein. Mit führenden europäischen Symphonieorchestern spielt er Musik für internationale Kino- und Fernsehfilme ein, sowie Werke anderer Genres für Rundfunk und Schallplatte. Frank Strobel wurde mehrfach mit dem Deutschen Schallplattenpreis ausgezeichnet. Bis 1998 war er Chefdirigent des Deutschen Filmorchester Babelsberg. Seit dem Jahr 2000 ist Frank Strobel künstlerischer Leiter der von ihm mitgegründeten "Europäischen FilmPhilharmonie". Konzertreisen führten ihn in nahezu alle europäischen Länder sowie in die USA, nach Kanada, Mittel- und Südamerika als auch nach Asien. Er nahm an verschiedenen Festivals teil, u.a. an den Berliner und Wiener Festwochen. Frank Strobel lebt in Berlin.

Jarrod Cagwin | Percussion


(* 1974 in Iowa) ist ein US-amerikanischer Jazz-Perkussionist. Cagwin wuchs auf einer Farm in Iowa auf, nahm an zahlreichen regionalen und nationalen Wettbewerben für junge Musiker teil und erhielt 1992 ein Stipendium für ein Studium am Berklee College of Music, das er 1996 „cum laude“ abschloss. Er war dort Schüler von Jamey Haddad und Glen Velez und studierte 1995 an der York University in Toronto südindische Trommeltechnik bei Trichy Sankaran. Nach Abschluss des Studiums ging er nach New York, wo er u.a. in der Knitting Factory und dem Tonic auftrat und als Studiomusiker arbeitete. Ab 1997 unternahm er Konzert- und Studienreisen durch Europa, den Mittleren Osten sowie Nord- und Westafrika, wo er sich u.a. mit der Musik der Ewe, Ga, Ashanti, Mandinka und Berber befasste. Seit 1999 ist Cagwin Mitglied der Band von Rabih Abou-Khalil. Außerdem arbeitete er mit Charlie Mariano, Michel Godard, Dusan Gojkovic, Joe Beck, Joe Lovano, Dave Samuels, Gabriele Mirabassi, Emmanuelle Somer, Howard Levy, Gary Burton und anderen.

Rabih Abou-Khalil | Oud


(* 17. August 1957 in Beirut, Libanon), Komponist, Oud-Spieler und Jazz-Musiker, studierte arabische und westliche Musik an der Beiruter Kunstakademie. 1978 flüchtete er vor dem libanesischen Bürgerkrieg nach München, wo er Querflöte bei Walter Theurer studierte. Sein Hauptinstrument blieb aber der Oud, die orientalische Kurzhalslaute (Vorläufer der europäischen Laute, Begriffsherkunft arab.: al’ oud). Basis seiner Spielweise ist arabische Musiktradition, die er mittels Improvisation als moderne Musikspielweise weiterentwickelt und die er erfolgreich auch in einen Jazzkontext zu stellen vermag. Er arbeitet bevorzugt mit „Grenzgängern“ zusammen wie dem Kronos Quartet, dem Ensemble Modern und dem Balanescu Quartett sowie Jazzmusikern wie Charlie Mariano, Kenny Wheeler, Joachim Kühn und dem Weltmusiker Glen Velez. Seit den 1990er Jahren nimmt er weltweit an großen Jazzfestivals teil. 2002 erhielt er eine Ehrenurkunde zum Preis der deutschen Schallplattenkritik für sein Gesamtwerk. Seit 2003 tritt er in einer Formation mit Michel Godard, Gabriele Mirabassi, Luciano Biondini und Jarrod Cagwin auf, zu der seit 2004 auch der sardische Sänger und Saxophonist Gavino Murgia tritt. Im Jahr 2006 realisierte er seine erste große sinfonische Musik mit dem BBC Concert Orchestra.

Michel Godard | Tuba


(* 1960 in Héricourt, Haute-Saône) studierte klassische Musik (Trompete) am Musikkonservatorium in Besançon und Paris. Auf der Suche nach Einspielungen von Musik mit Tuba stieß der auf die Schallplatte „Bush Baby“ mit Bob Stewart, Tuba, und Arthur Blythe (Saxofon). Nach Godards Bericht war das der Einstieg in den Jazz und die Improvisierte Musik. Er war von 1988 an Mitglied des Philharmonischen Orchesters von Radio France. Von 1989 bis 1991 spielte Godard im Orchestre National de Jazz unter Claude Barthélémy. Weiterhin gehörte er verschiedenen weiteren Ensembles an wie dem Französischen National Orchester, dem Ensemble Musique Vivante, dem Ensemble Jacques Moderne, dem Ancient Music Ensemble La Venice und „XVIII-21Musique de Lumieres“ und dem „Arban Chamber Brass" Quintett. Michel Godard ist heute ein besonders profilierter europäischer Jazzmusiker, der als einer der ersten auf der Tuba mehrstimmige Spieltechniken (Multiphonics) einsetzte, auch zeitgenössische und Alte Musik spielt und in sehr unterschiedlichen Ensembles und Besetzungen auftritt sowie Platten aufnimmt. Ungewöhnlich ist, dass Godard außer der Tuba auch Serpent, den Vorläufer der Tuba, (seit 1979) spielt. Michel Godard lebt im Städtchen Monthyon (bei Meaux, Frankreich).

Impressum

Gesamtproduktionsleitung und Konzept
Thomas Schmölz

Produktionsleitung BJO
Sönke Lentz

Redaktion ZDF
Nina Goslar

Redaktion Deutschlandradio Kultur
Stefan Lang

Filmwissenschaftliche Projektleitung
Stefan Drössler (Filmmuseum München)

Projektleitung der Begleitausstellung "Nathans Ende"
Matthias Hanke, Birka Siwczyk (Arbeitsstelle für Lessingrezeption Kamenz)
Fotos: © Peter Voigt/SUB Hamburg

Redaktion online
Thomas Schmölz

Medieninhaber
2eleven zeitgenössische musik projekte e.K.
Schwarzwaldstrasse 13
D-79117 Freiburg

Email: info@2eleven.de
Website: www.2eleven.de

Sitz der Unternehmung: Freiburg
Amtsgericht Freiburg im Breisgau
HRA 701552

Umsetzung
schulz . zedenow mediacreation GbR
Gustav-Müller-Str. 7
D-10829 Berlin

E-Mail: info [at] szmediacreation.de
Web: www.szmediacreation.de

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